{"id":93,"date":"2021-08-28T18:01:59","date_gmt":"2021-08-28T16:01:59","guid":{"rendered":"https:\/\/luebeck.humanistische-union.de\/?page_id=93"},"modified":"2021-08-28T18:01:59","modified_gmt":"2021-08-28T16:01:59","slug":"zur-geschichte-der-luebecker-frauen-und-familienberatungsstelle","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/luebeck.humanistische-union.de\/zur-geschichte-der-luebecker-frauen-und-familienberatungsstelle\/","title":{"rendered":"Zur Geschichte der L\u00fcbecker Frauen- und Familienberatungsstelle"},"content":{"rendered":"<p>Das 30-j\u00e4hrige Bestehen der Frauen- und Familienberatungsstelle ist ein guter Anlass, um einmal an die Anf\u00e4nge unserer Einrichtung zu erinnern. Die Gr\u00fcndung der HU stand im Jahre 1961 unter dem Motto: Gegen Dogmatismus, Fanatismus und Intoleranz. F\u00fcr die Selbstbestimmung von Frauen hie\u00df dies vor allem, eine Reform des Abtreibungsparagraphen 218, am besten jedoch seine Streichung zu erreichen. Die Abtreibungsfrage wurde so \u2013 neben den Problemen der polizeilichen Aufr\u00fcstung \u2013 eines der wichtigsten Grundrechtsthemen in der HU der 70er Jahre.<br \/>In der HU begann die \u00f6ffentliche Diskussion der Abtreibungsfrage 1971 \u2013 hundert Jahre nach dem Kaiser-Wilhelm-Gesetz. In Hamburg wurde von der HU eine \u201eSonderstelle \u00a7 218\u201c eingerichtet. Dort trafen sich vor allem Frauen, um Argumente f\u00fcr die immer dringlicher werdende \u00f6ffentliche Diskussion auszutauschen. Der \u00f6ffentliche Widerstand, besonders von Seiten der Kirche, war betr\u00e4chtlich. Frauen, die sich die Kosten eines Eingriffs leisten konnten, fuhren ins Ausland, besonders gern nach Holland. Jene, die sich diese \u201eL\u00f6sung\u201d ihres Problems nicht leisten konnten, standen vor der Alternative, entweder ein hochnotpeinliches, umst\u00e4ndliches und teures Gutachterverfahren \u00fcber die \u00c4rztekammer mitzumachen, oder sich einer \u201eEngelmacherin\u201d anzuvertrauen \u2013 und das damit verbundene Risiko f\u00fcr ihre Gesundheit in Kauf zu nehmen.\n<\/p>\n<p>Von den politischen Parteien im Bundestag wurde das Thema damals geflissentlich \u00fcbersehen. Lediglich die FDP, die ihre liberalen Bez\u00fcge pflegte, setzte sich f\u00fcr eine Freigabe der Abtreibung ein. Sp\u00e4ter schloss sich auch die SPD an, nachdem sie die Emanzipation der Frauen als politisches Thema erkannt hatte.\n<\/p>\n<p>Unter diesen Voraussetzungen gelang es der Humanistischen Union in der Abtreibungsfrage, zusammen mit anderen Aktivistinnen und Gruppierungen, eine breite \u00d6ffentlichkeit zu mobilisieren. Erinnert sei nur an die Titelseite des Sterns voller Frauengesichter, die erkl\u00e4rt hatten: \u201eIch habe abgetrieben\u201c.\n<\/p>\n<p>Mitten in der Debatte, im Jahre 1974, richtete der Ortsverband L\u00fcbeck der HU eine Beratungsstelle f\u00fcr Frauen ein, um in Notf\u00e4llen zu helfen. Vier L\u00fcbecker \u00c4rzte waren bereit, betroffene Frauen gegen\u00fcber der \u00c4rztekammer zu unterst\u00fctzen.\n<\/p>\n<p>1976 kam dann endlich \u2013 im zweiten Anlauf \u2013 die lang erstrittene Reform des \u00a7 218. Der Bundesvorstand kritisierte in einer Erkl\u00e4rung die Neufassung der Abtreibungsregelung als nicht weitgehend genug, jedoch wurde anerkannt, dass die Indikationsregelung die Lage der Frauen verbesserte. Nachdem die Gesetzesreform Bundestag und Bundesrat passierte hatte, wurde die Frauen- und&nbsp; Familienberatungsstelle der HU in L\u00fcbeck staatlich anerkannt. Einer erfolgreichen Arbeit stand nun nichts mehr im Wege. In den folgenden Jahren kamen die Frauen aus S\u00fcddeutschland, besonders aus Bayern und Baden-W\u00fcrttemberg nach L\u00fcbeck, weil sie in ihrer Heimat keine Hilfe fanden.\n<\/p>\n<p>Nach der Freigabe der Indikationsl\u00f6sung entwickelten sich n\u00f6rdlich der Mainlinie drei gro\u00dfe Zentren, in denen Frauen in Notlagen geholfen wurde: die AWO in Essen, die Pro Familia in Bremen und die Humanistische Union in L\u00fcbeck. Heute ist die Frauen- und Familienberatungsstelle der Humanistischen Union mit einer 24-Stunden-Stelle ausgestattet die sich durch Landesmittel, kommunale Zusch\u00fcsse und Spenden finanziert. Mit der Liberalisierung der Abtreibungsfrage haben sich die Aufgaben unserer Einrichtung gewandelt. In den letzten Jahren hat die sozialrechtliche Beratung und Unterst\u00fctzung weiter zugenommen. Aufgrund der daraus resultierenden Erfahrung mit dem Sozialamt und der Arge (Durchsuchung der Wohnungen von Alleinerziehenden durch den Ermittlungsdienst des Sozialamtes, jetzt der Arge, lange Bearbeitungs- und Wartezeiten, datenschutzrechtliche Probleme, unw\u00fcrdiger Umgang mit AntragstellerInnen &#8230;) initiierten wir ein lokales Netzwerk mit 15 Beratungsstellen. Im Dialog mit politischen Entscheidungstr\u00e4gern, Stadtverwaltung und Arge werden immer wieder Vereinbarungen ausgehandelt,&nbsp; die die Situation f\u00fcr die BezieherInnen von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld II zumindest auf der lokalen Ebene verbessern sollen.\n<\/p>\n<p>Mit unterschiedlichen Veranstaltungsangeboten wie einem Film und dem Bericht einer mexikanischen B\u00fcrgerrechtlerin zu verschwundenen und get\u00f6teten Frauen an der mexikanisch-amerikanischen Grenze,&nbsp; einer Fotoausstellung \u00fcber ein Frauenhaus in Marokko und einer Diskussionsveranstaltung mit einer Iranerin zur Sharia&nbsp; versuchen wir \u00fcber den Tellerrand zu schauen und die jeweiligen Gruppen zu unterst\u00fctzen. Die Arbeit der Beratungsstelle geht also auch nach 30 Jahren weiter &#8230;\n<\/p>\n<p align=\"right\"><i>Helga Lenz<br \/>arbeitet seit 12 Jahren in der L\u00fcbecker Frauen- und Familienberatungsstelle der Humanistischen Union<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das 30-j\u00e4hrige Bestehen der Frauen- und Familienberatungsstelle ist ein guter Anlass, um einmal an die Anf\u00e4nge unserer Einrichtung zu erinnern. Die Gr\u00fcndung der HU stand im Jahre 1961 unter dem Motto: Gegen Dogmatismus, Fanatismus und Intoleranz. 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