{"id":47,"date":"2016-05-02T12:00:00","date_gmt":"2016-05-02T10:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/luebeck.humanistische-union.de\/presse\/die-wartenden-von-idomeni-ein-reisebericht\/"},"modified":"2016-05-02T12:00:00","modified_gmt":"2016-05-02T10:00:00","slug":"die-wartenden-von-idomeni-ein-reisebericht","status":"publish","type":"presse","link":"https:\/\/luebeck.humanistische-union.de\/pressemeldungen\/die-wartenden-von-idomeni-ein-reisebericht\/","title":{"rendered":"Die Wartenden von Idomeni \u0096 ein Reisebericht"},"content":{"rendered":"<p>Die Mitarbeiterin der L\u00fcbecker Frauen- und Familienberatungsstelle der Humanistischen Union besuchte k\u00fcrzlich das Zeltlager der Fl\u00fcchtlinge in Idomeni. Hier schildert sie ihre Eindr\u00fccke von der Reise.<\/p>\n<p>Auf der Autobahn, kurz vor der mazedonischen Grenze, haben sich drei Rastst\u00e4tten in Zeltlager verwandelt. Die L\u00e4den der Rastst\u00e4tte bilden den Mittelpunkt dieser Zeltlager, in denen sich die Menschen treffen, miteinander reden und diejenigen einkaufen, die noch etwas Geld f\u00fcr Essen \u00fcbrig haben.<\/p>\n<p>Einige Kilometer weiter f\u00fchrt eine kleine Stra\u00dfe zum Grenzbahnhof Idomeni. Entlang der Gleise, auf den Feldern am Grenzzaun, stehen kleine und gr\u00f6\u00dfere Zelte der Hilfsorganisationen. Gro\u00dfe wie kleine Hilfsorganisationen (darunter UNHCR, \u00c4rzte ohne Grenzen, Rotes Kreuz) und viele unabh\u00e4ngige Freiwillige versuchen, das unw\u00fcrdige, an einen Slum erinnernde Leben am Zaun ertr\u00e4glicher zu machen. Neben der medizinischen und Essensversorgung, dem Zugang zu Wasser und Sanit\u00e4ranlagen bieten sie auch einzelne Zelte mit Internetzugang und ein Schulzelt f\u00fcr Kinder an. In den kommenden Monaten werden mit zunehmender Hitze die Hygieneprobleme dringender werden, weil es zu wenige Wasserstellen und Toiletten gibt. Davon sind insbesondere Frauen, Schwangere und Familien mit Kleinkindern betroffen &#8211; die in Idomeni die Mehrheit bilden, weil ihre Ehem\u00e4nner und Verwandten schon in Deutschland oder anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sind.<\/p>\n<p>&#8222;Mein \u00e4lterer Bruder ist in Berlin. Ich will zu ihm und warte hier bis sich die Grenze wieder \u00f6ffnet&#8220;, sagt ein 15j\u00e4hriger Syrer, der sich Verwandten angeschlossen hat. &#8222;Mein Kind ist zwei Monate alt und ich habe seit \u00fcber zwei Monaten keinen Kontakt mehr zu meinem in Deutschland lebenden Mann&#8220;. Mit ihren beiden Kindern lebt sie in einem kleinen Zelt. Sie kann sich nicht in die lange Warteschlange f\u00fcr die Essensausgabe einreihen, weil sie den S\u00e4ugling und das Kleinkind nicht zusammen tragen kann. Der im neunten Monat Schwangeren aus Aleppo, die im Nachbarzelt schl\u00e4ft, geht es ebenso. Sie wird zumindest von Verwandten unterst\u00fctzt und hat Kontakt zu ihrem Mann in Deutschland. In einem weiteren Zelt liegt ein junger Mann, der nur selten das Zelt verl\u00e4sst. Aufgrund einer Schussverletzung kann er sein Knie nicht mehr bewegen. Rollst\u00fchle und Kinderw\u00e4gen sind Mangelware.<\/p>\n<p>Der Alltag in Idomeni besteht im Wesentlichen aus langen Warteschlangen: bei der Essensausgabe, der medizinischen Notversorgung, an den Waschstellen, bei der Kleiderausgabe &#8230; Das &#8222;Zentrum&#8220; Idomenis bilden die durch den Grenzzaun unterbrochenen Gleise, die auf der einen Seite von der mazedonischen Polizei mit einem Panzer und auf der anderen Seite von ca. zehn griechischen Polizisten mit Mundschutz bewacht werden. Gegen\u00fcber der Polizei wird unter einem offenen Zeltdach debattiert und demonstriert, am Rande werden Zigaretten verkauft und die Haare geschnitten. An der kleinen Stra\u00dfe stehen die Autos der TV-Sender und Journalisten aufgereiht und ein Reisebus der griechischen Regierung mit dem passenden Namen &#8222;Crasy Holliday&#8220;. Mit dem Bus k\u00f6nnen sich die Fl\u00fcchtlinge in eins der 17 Milit\u00e4rcamps fahren lassen, die seit dem 20. M\u00e4rz an verschiedenen Orten errichtet wurden.<\/p>\n<p>\u00a0<br \/><b>Ger\u00fcchte statt Informationen<\/b><\/p>\n<p>Die Ungewissheit des Lebens im Zeltlager wird verst\u00e4rkt durch die immer wieder auftretenden Ger\u00fcchte und Fehlinformationen \u00fcber m\u00f6gliche Auswege, nach denen die Gefl\u00fcchteten wie nach einem Strohhalm greifen. Am letzten Wochenende im M\u00e4rz hie\u00df es beispielsweise, die Grenze werde ge\u00f6ffnet; daraufhin str\u00f6mten viele Gefl\u00fcchtete aus den Milit\u00e4rcamps an die Grenze. Eine Woche sp\u00e4ter machte das Ger\u00fccht die Runde, das Lager werde demn\u00e4chst ger\u00e4umt. Eine Jesidin berichtet mir, dass ihre sechsk\u00f6pfige Familie vor drei Wochen von Idomeni nach Athen reiste. Ihnen hatte man gesagt, sie k\u00f6nnten in Athen die Weiterverteilung in ein europ\u00e4isches Land beantragen. Der &#8222;Ausflug&#8220; nach Athen kostete die Familie 600 Euro, ihre Ersparnisse waren danach aufgebraucht. Von offizieller Seite werden die Gefl\u00fcchteten kaum \u00fcber das Prozedere der Asylantragstellung informiert. Das von einigen Freiwilligen gemeinsam mit griechischen Rechtsanw\u00e4lten betriebene Infozelt in Idomeni, in dem Beratung und Internetzugang angeboten werden, reicht nicht aus, um alle Fl\u00fcchtlinge angemessen zu informieren. Die Formbl\u00e4tter f\u00fcr den Asylantrag sind nur in englischer Sprache vorhanden, Dolmetscher gibt es nicht.<\/p>\n<p><b>Mangelhaftes Asylverfahren <\/b><\/p>\n<p>Das mit der EU abgestimmte Schnellverfahren sieht vor, dass die Gefl\u00fcchteten nach einem Interview (das per Skype gef\u00fchrt wird) einen Termin f\u00fcr die Befragung zum Asylantrag erhalten. Bisher funktioniert die Skype-Pr\u00e4senz der Beh\u00f6rden nur dreimal w\u00f6chentlich f\u00fcr wenige Stunden. Von den drei besuchten Milit\u00e4rcamps verf\u00fcgte nur eins \u00fcber einen Internetzugang, der von einer Fl\u00fcchtlingsinitiative der Stadt eingerichtet wurde. Bei der Bearbeitung nach dem fragw\u00fcrdigen Schnellverfahren werden t\u00e4glich 50 Bescheide erstellt.\u00a0 Selbst wenn alle von der EU zugesagten Mitarbeiter\/innen voll einsatzf\u00e4hig sind, wird es noch mindestens ein Jahr dauern, bis die letzten der ca. 52.000 Asylantr\u00e4ge abgearbeitet sind. Bis dahin m\u00fcssten die Gefl\u00fcchteten in den Zelten von Idomeni oder den Milit\u00e4rcamps leben.<\/p>\n<p>Auch die Ausstattung der von der griechischen Regierung (\u00fcbrigens ohne EU Unterst\u00fctzung) installierten Milit\u00e4rcamps ist immer noch sehr unzureichend. Viele von ihnen verf\u00fcgen nicht \u00fcber warmes Wasser, ausreichende medizinische Versorgung oder Internetanschluss. Gegen\u00fcber den Zeltlagern von Idomeni und andernorts bieten sie nur selten eine Verbesserung der Lebensumst\u00e4nde. Nur dort, wo es vor Ort zivilgesellschaftliche Unterst\u00fctzergruppen gibt, und diesen der Zugang ins Camp gew\u00e4hrt wird, ist die Situation besser. So berichtet eine Gruppe, wie sie in einem Milit\u00e4rcamp Solarkollektoren und Internet einrichten konnten, und ehrenamtliche \u00c4rzte einmal t\u00e4glich das Camp besuchen d\u00fcrfen. In den anderen Milit\u00e4rcamps ist die Gesundheitsversorgung dagegen katastrophal: In &#8230; bef\u00f6rderte der einzige Krankenwagen der Stadt statt einem gleich zehn Patienten vom Camp zum Krankenhaus.<\/p>\n<p>Bisher wird die von den anderen EU-Staaten zugesagte personelle Unterst\u00fctzung aber nur f\u00fcr die Grenzschutzagentur Frontex umgesetzt. Laut UNHCR konnte die griechische Polizei nach dem Inkrafttreten des EU-T\u00fcrkei-Abkommens am 20. M\u00e4rz tagelang lang keine Asylantr\u00e4ge entgegen nehmen, weil sie dazu noch nicht in der Lage war. Dennoch wurden aus dem Internierungslager 13 Fl\u00fcchtlinge in ein Abschiebelager in die T\u00fcrkei \u00fcberf\u00fchrt, ohne dass sie vorher einen Asylantrag stellen konnten. Auf die entsprechenden Vorw\u00fcrfe des UNHCR, dass diese Praxis gegen die Fl\u00fcchtlingskonvention versto\u00dfe, geht die EU gar nicht ein. Auf Lesbos t\u00e4tige Menschenrechtsgruppen berichten, dass Fl\u00fcchtlingen bis wenige Stunden vor ihrer Abschiebung nicht klar ist, dass sie abgeschoben werden.<\/p>\n<p><b>Tr\u00e4nengaspatronen, Gummigeschosse und Kampfflugzeuge<\/b><\/p>\n<p>Bis zum 10. April, als es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen am Grenzzaun kam, kontrollierte die Polizei nur sporadisch, bei gerade stattfindenden Demos die Freiwilligen, die mit ihren Autos Essen, Kleidung oder Zelte in das Camp transportierten. Dabei gab es immer wieder Demonstrationen: mal von den Bauern, die f\u00fcr ihre bewohnten Felder eine Entsch\u00e4digung forderten; von den Kindern, die &#8222;open the border&#8220; skandierten; von den Bewohnern des Dorfes, die ihre Ruhe haben wollen; von Fl\u00fcchtlingen, die gegen die Bedingungen im Lager protestierten. Die Polizei verhielt sich bis dahin sehr zur\u00fcckhalten; selbst als am 4. April ca. 100 Menschen die nahegelegene Autobahn blockierten, griff sie nicht ein, sondern schickte die wartenden Fahrzeuge nach achtst\u00fcndigem Warten wieder nach zur\u00fcck nach Griechenland.<\/p>\n<p>Dies \u00e4nderte sich rasant am 10. April nach einem \u00fcber Flugbl\u00e4tter verbreiteten Aufruf, den Grenzzaun zu st\u00fcrmen. Schnell eskalierten die Auseinandersetzungen und die mazedonischen Grenzsch\u00fctzer setzten Tr\u00e4nengas und Gummigeschosse ein, um einen Grenz\u00fcbertritt der Fl\u00fcchtlinge zu verhindern. Bei den Auseinandersetzungen wurden auch viele Familien in den Zelten verletzt. Allein an diesem Tag versorgte &#8222;\u00c4rzte ohne Grenzen&#8220; nach eigenen Angaben 280 Verletzte. Am n\u00e4chsten Tag ging auch die bis dahin zur\u00fcckhaltend agierende griechische Polizei gegen die Demonstrierenden und ihre Helfer vor, 17 Personen wurden kurzzeitig festgenommen.<\/p>\n<p>Nach der Eskalation versuchte die griechische Polizei, zumindest die Zelte auf den Gleisen zu r\u00e4umen, um die Bahnverbindung wieder in Betrieb nehmen zu k\u00f6nnen. Au\u00dferdem m\u00fcssen sich k\u00fcnftig alle Freiwilligen beim griechischen Innenministerium registrieren lassen, bevor sie im Zeltlager von Idomeni helfen k\u00f6nnen. (Mit der Registrierung allein ist aber noch nicht sicher gestellt, dass den Helfer\/innen auch ein Zugang zu den Camps gestattet wird.) Mit solchen Ma\u00dfnahmen sollen nicht nur die Gefl\u00fcchteten, sondern auch die Freiwilligen der \u00fcber 20 Hilfsorganisationen zum Verlassen des Camps &#8222;motiviert&#8220; werden. Diese Aufforderung wurde durch das Milit\u00e4r unterstrichen, das wenige Tage sp\u00e4ter ein Grenzman\u00f6ver startete: Milit\u00e4rhubschrauber und Kampfflugzeuge flogen dicht \u00fcber die K\u00f6pfe der Menschen hinweg, die gerade aus Kriegsgebieten\u00a0 gefl\u00fcchtet waren.<\/p>\n<p><b>Warum noch Idomeni?<\/b><\/p>\n<p>Es gibt viele Gr\u00fcnde, warum die Gefl\u00fcchteten trotz der schlechten Bedingungen und dem zunehmendem staatlichen Druck im Zeltlager von Idomeni ausharren: etwa die Angst, in den Milit\u00e4rlagern ganz aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein zu verschwinden und vergessen zu werden; oder die Hoffnung auf das Wunder einer Grenz\u00f6ffnung. Unter den Gefl\u00fcchteten herrscht gro\u00dfe Angst, dass die Milit\u00e4rcamps eines Tages wie die Internierungslager auf den griechischen Inseln abgeschlossen und die Insassen damit zu Gefangenen werden. Dar\u00fcber hinaus ist Idomeni ein Zufluchtsort f\u00fcr all jene, die nicht zur\u00fcck in die T\u00fcrkei wollen. Viele von ihnen bef\u00fcrchten, dort in einem Gef\u00e4ngnis zu landen oder in ihr Heimatland abgeschoben zu werden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[13],"autoren":[4],"class_list":["post-47","presse","type-presse","status-publish","hentry","tag-luebeck","autoren-helga-lenz"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Wartenden von Idomeni \u0096 ein Reisebericht - HU L\u00fcbeck<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/luebeck.humanistische-union.de\/pressemeldungen\/die-wartenden-von-idomeni-ein-reisebericht\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Wartenden von Idomeni \u0096 ein Reisebericht - HU L\u00fcbeck\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Mitarbeiterin der L\u00fcbecker Frauen- und Familienberatungsstelle der Humanistischen Union besuchte k\u00fcrzlich das Zeltlager der Fl\u00fcchtlinge in Idomeni. 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